Mit freundlicher Genehmigung der NNN.

Rostock. Als Ausnahme-Handballer einst privilegiert, später durch Dritte vor den Olympischen Spielen 1980 denunziert, als Leistungssportler zur Persona non grata erklärt, aus dem damaligen SC Empor geschmissen, Berufsverbot, kurz vor dem Mauerfall in den „Westen“ ausgereist, 2004 in der Schweiz sesshaft geworden, erst 2006 durch den HC Empor rehabilitiert und zum Ehrenmitglied ernannt: Wolfgang Böhme. Heute begehen der 192-fache DDR-Nationalspieler (538 Tore) und sein Zwillingsbruder Matthias  ihren 70. Geburtstag.  

„Böhme – eine deutsch-deutsche Handballgeschichte“, niedergeschrieben nach Teilen des Tagebuches des Linkshänders durch Erik Eggers, und die Filmdokumentation des RBB Fernsehen „Liebe, Handball, Kalter Krieg“ widerspiegeln seine wechselvolle Geschichte. Da geht es um sportliche Erfolge, wie Teilnahme an der Olympiade 1972 in München, die Privilegien nach Platz zwei und drei bei den WM von 1974 sowie 1978, nationale Titel mit Empor und das Europacupfinale gegen den TV Großwallstadt. Mitten drin der zu seiner weltbeste Rechtsaußen und auch Rückraumakteur.  Zwei Beispiele. Bei der WM 1978 in Dänemark hatte die DDR nur durch das schlechtere Torverhältnis das Finale verpasst. Die BRD zog gegen die Sowjetunion (SU) in das Endspiel ein. Wolfgang klopfte abends an die Tür von Heiner Brand (Gummersbach) und des Großwallstädters Kurt Klühspieß. Bei einem oder mehreren Bierchen erklärte der diplomierte Rostocker Sportler dem „Klassenfeind“ anhand von Bierdosen Angriffs-Laufwege und Abwehrverhalten. Der Coach in spe hatte einen taktischen Volltreffer gelandet: 20:19 für die BRD, Platz drei für die DDR durch ein 19:15 über die Gastgeber. Oder auch das: Böhme war durch seine außergewöhnlichen Fertigkeiten international ein begehrter Mann. Angebote gab es aus Essen, und sogar der THW Kiel bot 100.000 DM für einen Wechsel, dazu ein infamilienhaus. Alles das ließ ihn kalt, wusste er doch um in diesem Fall Repressalien gegen die Familie, verschwieg aber auch die Offerten aus dem Westen. Noch heute sagt er: „Im Normalfall hätte ich nie und nimmer einen Ausreiseantrag gestellt. Ich war, bin und bleibe Ossi“. Vieles hat Böhme in seinem Tagebuch dokumentiert. Die „blauen Pillen“ zum Muskelmassenaufbau, den Rauswurf aus dem SCE, dem Nationalteam, den Finalabend, als die DDR ohne ihren sonstigen Kapitän in Moskau Gold gewann, „wie bei mir im Lütten-Kleiner ‚Szczecin‘ damals richtige Bäche an Tränen flossen. Ich war echt am Ende, meine Karriere als Sportler und Trainer auch.“ Japan wollte den von den DDR-Oberen Geschassten 1982 als Nationalcoach – abgelehnt, einen Böhme gibt es bei ihnen nicht mehr, ausgelöscht der Herr.  

Einigermaßen Seelenfrieden fand der Heringsdorfer eigentlich erst in der Schweiz. Schon vor der Ausreise mit der früheren Sprinterin Karin Güttler verheiratet, hatte ihn sein Zwillingsbruder 2004 aus Bückeburg nach Basel gelotst, trainierte Böhme dort mehrere Vereine. Und er hielt, was vor fünf Jahren anlässlich des 65. in den NNN stand: „Wenn unsere Tochter ihr Matura macht, komme ich zurück.“ Berlin ist die Heimat des heute noch für ein Autohaus Arbeitenden. Und ein weiteres damaliges Versprechen löste Böhme ein: „Ich intensiviere meine Beziehungen zu ehemaligen Mitspielern, von denen Bodo Wieland mein bester Freund ist. Mit dem gehe ich durch dick und dünn.“ Ganz nach dem Motto: Einmal Empor, immer Empor. Wolfgang, viel Gesundheit!

Dieter Herold für NNN